Unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

GewandhausKinderchor & Moran Choir
Frank-Steffen Elster & Naomi Faran [Leitung]
Philipp J. Neumann [Inszenierung]

Brundibár

Kinderoper von Hans Krása (1899-1944)
[Theresienstädter Fassung von 1943]
Werke von Antonin Dvorák und Bohuslav Martinu

Zu Brundibár

„Brundibár“ ist eine kleine Oper über zwei Geschwister, die die Kraft der Gemeinschaft entdecken und den bösen Leierkastenmann Brundibár besiegen. Diese Kinderoper erlangte ihre traurige Berühmtheit vor allem durch die Rolle, die sie im Konzentrationslager Theresienstadt gespielt hat – für die Ausführenden sowie für die, die sie in über fünfzig Aufführungen als Zuschauer erlebt haben. Der Prager Komponist Hans Krása komponierte 1938 die Musik nach einem Libretto seines Freundes, des Autors und Malers Adolf Hoffmeister. Anlass für die Entstehung dieser Oper für Kinder war ein Wettbewerb des damaligen Ministeriums für Schulwesen und Volksbildung.

Zur Auswertung dieses Wettbewerbs ist es nicht mehr gekommen. Hitler besetzte mit seinen Truppen das Land, und der Preis für die schönste Kinderoper wurde nie vergeben. Dennoch kam dieses Werk bald zur Uraufführung, wenn auch inoffiziell. Hans Krása gehörte zum Freundeskreis Otto Freudenfelds, dem Direktor des Prager jüdischen Waisenhauses. Zu dessen 50. Geburtstag im Juli 1941 fanden sich auch der Dirigent Rafael Schächter, der Pianist Gideon Klein, der Dichter Erik A. Saudek und weitere Gäste ein. Man erfuhr von der Existenz der Kinderoper, und Schächter entschied sich, mit Hilfe des Direktorensohnes Rudolf „Brundibár“ mit den Waisenkindern aufzuführen. Die Deportation Schächters ließ das gemeinsame Vorhaben allerdings scheitern. Die Kinder in Prag haben die Oper dennoch aufgeführt – ohne Orchester, mit drei Instrumentalisten, die aus dem Klavierauszug spielten.

Hans Krása selbst wurde am 10. August 1942 nach Theresienstadt abtransportiert. Der Librettist Adolf Hoffmeister verdankt „Brundibár“ ein glücklicheres Schicksal. Er wurde nach London eingeladen und kehrte erst nach der Befreiung der Tschechoslowakei aus dem Exil zurück. Als 1943 Rudolf Franek (Freudenfeld) abtransportiert wurde, gelang es ihm, einen Klavierauszug von „Brundibár“ nach Theresienstadt zu schmuggeln, den er unverzüglich Krása zum Anfertigen einer Partitur übergab. Rudolf Franek leitete später die Aufführungen. Die Premiere dieser Theresienstädter Fassung der Kinderoper fand am 23. September 1943 statt, danach wurde das Stück noch über fünfzig Mal aufgeführt. Aber auch auf den Gängen der Wohnbaracken und in den Hofecken erklang die Musik. Selbst das deutsche Lagerkommando war sich ihrer Bedeutung bewusst und benutzte die Oper als „Vorzeigeobjekt“ bei der Inspektion einer Delegation des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) um Dr. Maurice Rossel im Juni 1944. Den Nazis gelang die Täuschung, der Außenwelt ein „normales Leben“ in diesem Ghetto vorzugaukeln. Nach monatelanger „Verschönerungsaktion“, erlebte die Delegation ein renoviertes Theresienstadt mit Geschäften, Parkanlagen und einem Musikpavillon. Zu ihrem großen Erstaunen konnte das IKRK feststellen, dass sogar Konzerte und Opern aufgeführt wurden – neben „Tosca“, „Carmen“, „Die Zauberflöte“ sogar eine Kinderoper: „Brundibár“.

Auch in dem von Goebbels initiierten Propagandafilm „Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet.“ fehlte Brundibár nicht. Dieser Film, der ein mit großem Aufwand vollständig vorgegaukeltes Scheinleben in Theresienstadt darstellt und ebenfalls zur Täuschung der Weltöffentlichkeit geplant war, enthält die Schlussszene aus „Brundibár“ – ein letztes Zeugnis der Kinder von Theresienstadt, für die „Brundibár“ zum Symbol der Hoffnung, des Lebenswillens und des Guten wurde. In einem Interview mit Hannelore Brenner-Wonschick berichtet die Pianistin Alice Sommer, deren sechsjähriger Sohn Raphael im Ghetto oft den Spatz spielte: „Brundibár hat den Kindern das Vertrauen gegeben, die Welt kann auch schön sein ... Die Welt unter Hitler war fürchterlich schwer. Aber die Welt kann schön sein. Wenn die Kinder auf dem Dachboden ‚Brundibár‘ gespielt haben, war das Leben für sie schön.“

Im Herbst 1944 begann schließlich eine große Welle von Transporten, die viele der Darsteller und Zuschauer nach Auschwitz in den Tod schickten. Auch Hans Krása wurde im Oktober 1944 in den Gaskammern ermordet. Von den 15.000 Kindern in Theresienstadt entkamen nur 200 dem Tod.

Zur Theresienstädter Fassung

Die Prager und die Theresienstädter Fassung unterscheiden sich vor allem in der Instrumentierung. Die Besetzung aus Flöte, 2 Klarinetten, Trompete, Klavier Streichergruppen der 1. und 2. Violinen und Violoncello, große und kleine Trommel und Becken musste Hans Krása den in Theresienstadt zur Verfügung stehenden Instrumenten anpassen. So hat der Komponist die Partitur für eine kleinere Besetzung neu geschrieben. Aus der Streicherbesetzung wurde ein Sextett aus vier Violinen, einem Violoncello und einem Kontrabass. Die Flöte alterniert mit Piccoloflöte, Klarinette und Trompete bilden die restlichen Bläser. Dem Schlagwerk fehlt das Becken, dafür bringen eine Gitarre und ein Akkordeon eine neue und interessante Farbe in das Werk. Das Klavier ist wie in der Urfassung ein tragendes Instrument. Neben der veränderten Instrumentierung gab es weitere Änderungen der Prager Fassung. Krása fügte zwischen den 1. und den 2. Akt eine Serenade als Zwischenspiel ein und ließ das „Zweite Lied der Kinder“, den Refrain vom VI. Auftritt sowie die Musik zur „Jagd auf Brundibár“ weg.

Zur Inszenierung

Am 23. Juni 1944 besuchte eine Delegation des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) das KZ Theresienstadt, das von den Deutschen für diesen Anlass „verschönert“ worden war. Neue Parks, Geschäftsatrappen, künstlerische Freiheit auf Zeit. An diesem Tag wurden für die Gäste auch Auschnitte aus „Brundibár“ gespielt. Soweit die Tatsachen. Für die Inszenierung im Gewandhaus bildet der historische Besuch des IKRK die Rahmenhandlung, allerdings versetzt mit der Fiktion, dass die Delegation sich verspätete und sowohl Musiker als auch Kinder etwa eine Stunde warten mussten. Diese Godotsche Situation, dieses Warten füllen die Protagonisten – angelehnt an eine realistische Möglichkeit – mit Musik. Sie singen und spielen, was ihnen, das ahnen sie vielleicht, bald nicht mehr gewährt werden könnte. Immer wieder kommt es zu Momenten, in denen Stille eintritt; es herrscht eine Anspannung, die allgegenwärtig ist. Keiner weiß genau, was von dem Besuch zu erwarten ist. Erst als es absehbar wird, dass die Delegation nicht nur wenige Minuten zu spät kommen wird, nutzen die Kinder die Zeit, um noch einmal „Brundibár“ zu spielen. Von Anfang bis Ende. Für sich. Das IKRK sollte, so war es von der KZ-Komandatur verordnet worden, nur den Schlusschor zu sehen bekommen …


Hans Krása

Hans Krása wurde am 30. November 1899 in Prag als Kind einer tschechisch-deutschen Familie geboren. Nach dem Besuch des deutschen Gymnasiums begann er ein Studium bei Alexander Zemlinsky. Seine erste größere Komposition waren die „Vier Orchesterlieder“ nach Morgensterns „Galgenlieder“, die Zemlinsky als Absolventenarbeit annahm und in einem Prager Philharmonischen Konzert aufführte. Nach Abschluss seiner musikalischen Studien war Krása als Korrepetitor unter Zemlinsky am deutschen Theater in Prag tätig und ging dann für einige Monate nach Paris (1923), wo er wichtige Anregungen von Albert Roussel und den Komponisten der „Groupe des six“ empfing. 1927 folgte er Zemlinsky für kurze Zeit als Korrepetitor an die Berliner Kroll-Oper. Anerkennung im Ausland fand der Frühvollendete bereits in den zwanziger Jahren mit Aufführungen in Donaueschingen, Paris, Zürich und Boston. Obwohl Angebote aus Berlin, Paris und Chicago vorlagen, konnte er sich nicht zu einem ausländischen Engagement entschließen und kehrte nach Prag zurück. Im Jahr 1933 erhielt er für seine Oper „Verlobung im Traum“ nach Dostojewski den Tschechoslowakischen Staatspreis. Die Kinderoper „Brundibár“ ist sein letztes in Freiheit geschriebenes Werk und seine zweite Zusammenarbeit mit Adolf Hoffmeister. In Theresienstadt schrieb Krása weitere Werke, die von den damaligen Häftlingen des Ghettos, unter denen sich viele ausgezeichnete Künstler befanden, aufgeführt wurden.